Zu Hause
 
Alles war unordentlich. Die Bettwäsche war zerwühlt, die  
Kopfkissen waren auf den Fußboden gerutscht. Dort leisteten sie meinen Zeitschriften Gesellschaft. Auf dem Schreibtisch türmten sich schmutzige Teller, auf ihnen Gläser, in ihnen Besteck.  

Zwischen den Tellern lagen Verpackungen, Tabak, lose Blätter, Stifte, Brotreste und Münzen. Ich saß inmitten dreckiger Wäsche auf dem Fußboden, wichtige Unterlagen verwehrten mir den Zugang zu meinem Sessel. Ich hatte den Fernseher einschalten wollen, doch ich fand das Antennenkabel nicht mehr. Also saß ich da und tat nichts. Es roch nach Staub. Staub hätte ich wischen können. Ich tat es nicht, vielleicht nur aus Faulheit, vielleicht, um meiner Linie treu zu bleiben. Nicht, das ich eine gehabt hätte. Mir gefiel lediglich der Gedanke, eine Linie zu haben. Das veranlaßte mich, so zu tun, als hätte ich eine. 

Also tat ich nichts. Nicht einmal schlafen wollte ich. Sicher, ich war müde, doch der Anblick meines unordentlichen Bettes, der speckigen Wäsche, der Brandlöcher im Laken, veranlaßte mich, aufrecht sitzenzubleiben. Der Anblick machte mich gewissermaßen wach. Es war warm. Die Sonne fiel direkt durch mein Fenster in mein Zimmer. Ihr Licht reflektierte von der Mattscheibe meines Fernsehers. Die tänzelnden Staubflöckchen glänzten darin. Ich glaube, ich schwitzte. Sehr sogar. Tröpfchen hingen an meiner Nasenspitze, Schweiß stand mir auf der Stirn. So saß ich da, 
schwitzte, gähnte, kniff die Augen zusammen und tat nichts, als ich plötzlich ein 'Blub' hörte. 

Ich schreckte auf. Was war das? Ich schaute mich um. Nichts. Ich lauschte. Nichts. Dann eben nicht. Ich schaute mich weiter um, ohne irgend etwas zu suchen. 'Blub'. Schon wieder! Diesmal war ich mir sicher. Ich hatte etwas gehört. Also stand ich ruckartig auf, um mich umzuschauen, doch mir wurde schwarz vor Augen. Ehe ich wieder sah, hörte ich es wieder, dreimal, aus unterschiedlichen Richtungen, das letzte direkt neben meinem Fuß. Ich fühlte warm, wie Gas mein Hosenbein hinaufstieg. Dann roch es faulig. Kaum sah ich, sprang ich zur Seite und schaute dorthin, wo sich das letzte 
'Blub' ereignet haben mußte. Unterwäsche. Dort lag alte 
Unterwäsche von mir. Ich nahm sie zur Seite, und sah den Teppich dort. Gelb! Mein schwarzer Teppich war dort gelb angelaufen, er warf gerade eine neue Blase, eine alte, direkt daneben, war schon vernarbt. Hier und da bildeten sich neue. Während ich sie noch aus nächster Nähe anschaute, platzte die Blase direkt vor mir, als  
wäre der Teppich eine Art Creme, etwas dickflüssiges. 
Schwefelgeruch stieg mir in die Nase, abgestanden und stinkend. Ich schreckte zurück, und sah, wie meine Unterwäsche in die aufgeplatzte Blase hineinrutschte und versank. Irritiert blickte ich mich um. Überall köchelte mein Teppich, stank, verschluckte mein Hab und Gut. Hustend und Keuchend taumelte ich aus meinem Zimmer in die Diele und warf die Tür hinter mir zu. 
Dort hörte ich es brodeln. Mit zitternden Händen ging ich in die Küche und machte mir einen Kaffee. Inzwischen rumpelte und zischte es nebenan. Ich ließ mich nicht weiter irritieren und suchte nach Ruhe. 

Zwei Stunden später, ich hatte inzwischen einen Spaziergang gemacht, und der Abend brach langsam herein, öffnete ich wieder meine Zimmertür. Der Raum war völlig leer, der Teppich gelb, die Luft rein. Ich tastete. Der Teppich war absolut fest. Er hatte all meine Möbel, meine privatesten Besitztümer, meine Unterlagen, Ausweise, Euroschecks, verschluckt. An diesem Abend weinte ich  
bitterlich. 

Erst zwei Wochen später betrat ich den Raum erneut. Inzwischen hatte ich mein Mobiliar als gestohlen gemeldet, die Versicherung hatte widerwillig gezahlt. Von dem Geld ließ ich Parkett in den Raum legen. Das hatte ich damals schon tun wollen. Ich Idiot.

 
 

Textkritik schreiben | Zurück | Home