| Kuh. Dumme Kuh. Er stellt den marmeladenverklebten
Teller in die Spülmaschine, wäscht sich die Hände und trocknet
sie an den Hosenbeinen. Dann schaut er sich um.
Sie hat alles stehengelassen. Die halbvolle Kaffeetasse. Die Müslischüssel. Die Brotschneidemaschine. Die schmutzige Kaffeekanne. Er steckt die Hände in die Hosentaschen, seufzt, nimmt sie wieder heraus und beginnt, aufzuräumen. Mit einer Hand stützt er sich auf der Arbeitsplatte auf, während er sich vornüberbeugt und das Geschirr in die Maschine räumt. Dann geht er herüber zum Spülbecken, hockt sich hin und zieht aus dem Fach darunter das Spülmittel. Er füllt die kleine, transparente Plastikschaufel und geht mit ihr zurück zur Maschine. Dort häuft er das Pulver in die Klappe, macht sie zu und schaltet an. Sie erwartet das. Es gibt keinen echten Grund dafür, er ist ein Mann. Er ist nicht zu dumm für etwas anderes. Es gibt keinen Grund, warum er jeden Morgen die Küche aufräumt. Nichts hat sich geändert. Warum tut sie dann so? Er zieht Konsequenzen. Sie weiß, daß es Konsequenzen sind. Beide wissen es, aber sie stellt sich dumm. Keinen Sex, seit zwei Wochen. Sie hat es ein paarmal versucht, er hat abgeblockt. Wenn er schon die Hausfrau spielt, kann er wenigstens Migräne haben. Und Nichtstun. Und fett werden. Das will sie: Ihn zermürben. In den letzten Tagen entwickelt sie einen herrischen Umgangston. Kühl und knapp spricht sie mit ihm das Wesentliche ab: Klopapier ist alle, ich kann morgen nicht einkaufen, wichtige Besprechung, wie war dein Tag, was kommt im Fernsehen. Er gibt selbst nur Antworten und stellt keine Fragen. Alles ist eindeutig. Sie behandelt ihn völlig arrogant, wie ein Würstchen, nicht ihren Mann. Er läßt sich das nicht gefallen, sie merkt das sicher, aber sie tut so, als wäre nichts. Ab und zu fragt sie ihn, ob was ist. Ist was? Nein, nichts ist. Nichts. Er nimmt einen Lappen, hält ihn unter das kalte Wasser und beginnt, die Platte zu wischen. Unmengen von Krümeln. Sie hat ihn gebeten, noch einmal aufs Arbeitsamt zu gehen. Gebeten. Gehst du bitte noch einmal aufs Arbeitsamt, sonst vergessen die dich noch. Das war ein Vorwurf. Sie hat ihn angeschaut wie einen säumigen Schüler. Machst du bitte deine Hausaufgaben. Der Topf steht hinten auf der Kochplatte. Sie hat sich Milch gekocht, ein Rest ist eingetrocknet. Er nimmt den Topf in die rechte Hand und schaut hinein. Sie hat ihn nicht einmal eingeweicht. Sie hat mit ihm, wie sie das immer macht, auf der vorderen Platte gekocht und ihn nach Gebrauch gut sichtbar auf die hintere gestellt. Sie hat sich was dabei gedacht. Sie muß denken, er tut nichts. Er holt aus. Er könnte den Topf einfach durchs Fenster schmeißen, mittendurch, alles klirrt und scheppert. Er tut es nicht. Drama. Es wäre ein Drama, und er haßt das Wort. Man muß den Mund so weit aufsperren. Er stellt den Topf zurück auf die Kochplatte, tritt einen Schritt zurück, schaut ihn an, seufzt, und nimmt ihn wieder. Er geht mit ihm zur Spüle, dreht den Wasserhahn auf und beginnt, den Topf zu spülen. Dabei flucht er leise vor sich hin, bis er merkt, daß ihn niemand hört. Er muß die Einkaufsliste noch schreiben, er hat mit ihr gekämpft, ein stummes Abendessen lang, bis sie nachgegeben hat. Sie geht von der Arbeit aus einkaufen. Er gibt ihr die Liste durch. Das tut er jedesmal, wenn er es nicht tut, zahlt sie es ihm heim und kauft zuviel. Als würden sie im traumhaftesten Überfluß leben, verschleudert sie alles. Kürzlich vier Sorten Brot: Ein frischer Laib Graubrot, abgepacktes Schwarzbrot, ein Stuten und ein Baguette. Abendessen hatte sie keines gekauft, und am Abend wurde Brot gegessen. Sinnlose Vergeudung. Er läßt den Topf in der Spüle stehen und holt einen Zettel. Er beginnt zu schreiben, EINEN LAIB Brot, EINE PACKUNG Milch, auf die Art und Weise den ganzen Zettel. Sie sagt nichts dazu, aber sie versteht ihn. Jedes Mal, wenn er keine genaue Mengenangabe macht, kauft sie die dreifache Menge des Üblichen. Drei Pakete Milch. Er hat nichts anderes mehr getrunken, den ganzen Tag. Am Abend aus dem Bierglas, demonstrativ. Sie hat ihn kurz angeschaut und den Kopf geschüttelt. Er hat still getrunken. Sie soll sich nicht wundern. Es ist ihre Schuld, sie können es sich nicht leisten, und sie weiß das. Er legt den Zettel auf die Arbeitsplatte, geht einen Schritt zurück. Alles ist sauber, halbwegs zumindest. Der Topf steht noch in der Spüle. Er nimmt ihn, trocknet ihn ab und stellt ihn nach kurzem Überlegen in den Flur, auf den Garderobenschrank. Da kann sie ihn sich in aller Ruhe anschauen, wenn sie kommt. Dann greift er nach dem Zettel, wählt
ihre Nummer, und wartet. Zehnmal klingeln ist Minimum. Ein Wunder, das
ihr Unternehmen noch läuft. Wenn er Kunde wäre, hätte er
es schon aufgegeben.
"Hallo Schatz.", sagt er und kratzt sich am Hintern. |