Sehnheim
  Er beugt sich vornüber und pflückt ein Gänseblümchen. Dabei spannt sich seine Hose beängstigend um den Hintern. Die Blume hält mein Begleiter vorsichtig zwischen zwei Fingern, ich gebe ihm seinen Stock und wir gehen weiter.  
Er zeigt mir die Blume. Sie ist recht klein, aber makellos. Das freut ihn sehr. Oft wischt er sich die Finger am Hosenbein ab, damit kein Schweiß von seinen Händen sie berührt. Er schaut jetzt sehr konzentriert, wohl, um sich gleichzeitig auf den Stock zu stützen und die Blume nicht zu zerdrücken. Er geht nicht mehr geradlinig und bleibt manchmal kurz stehen. Als wir einige Minuten gegangen sind, hat er die Kontrolle wiedergewonnen; es gelingt ihm, an der Blume zu riechen, ohne anzuhalten.  
Es ist warm. Er legt ein gutes Tempo vor, und ich schwitze ein wenig. Einzelne Sonnenstrahlen brechen durch das Blätterdach, kleine Partikel tänzeln in ihnen glänzend hin und her. Abseits des Kiesweges ist der Boden mit Grün bedeckt. Jede Pflanzenart hat sich eine Fläche ausgesucht, auf der sie nun ein Monopol besitzt. Hier und da ragt ein Baumstamm aus dem knöchelhohen Teppich und erhebt sich bis weit über uns, um den Raum nach oben abzuschließen. Ich habe Zeit, mich ein wenig umzuschauen, während er immer wieder an dem Gänseblümchen riecht, tief ein- und seufzend ausatmet. 
Der Boden ist unter der dünnen Kieselschicht weich und federt etwas. Mein Begleiter hebt die Füße nicht richtig an, sie scharren auf dem Weg. Ich schlage mein Hemd aus. Auf meiner feuchten Haut ist die vorbeigleitende Luft kühl. Ich betrachte die Bäume. Ihre Stämme sind mächtig, die Äste noch dick, tragen Zweige und grüne Blätter. In einen hat jemand "ICH WAR HIER" geritzt, unbeholfen und mit dünnen Strichen. Irgendwo vor uns bellt ein Hund. Vögel flattern raschelnd durch die Baumkronen. Mein Begleiter wird schneller, wedelt mit der Linken zum Schwungholen, bis er merkt, daß dort die Blume ist und geht dann etwas hölzern, er möchte sich beeilen. Ich gehe neben ihm her. Es wird wärmer, und das erste Mal heute denke ich an zu Hause. An Kaffee und Kuchen, wir alle zusammen, an Fernsehen am Abend und an endlose Gespräche. Er scheint an dasselbe zu denken, denn er geht, so schnell er kann. Problemlos halte ich Schritt und höre, wie sich ein leises Summen in das Scharren seiner Schritte mischt.  
Eine einfache, harmonische Melodie, ich kenne sie, wenn auch nicht beim Namen. Er hört nicht damit auf und wird mit der Zeit lauter, bis wir uns plötzlich Sehnheim von hinten nähern, und er verstummt.  
Sein ganzer Körper spannt sich sichtbar an. Leise humpelt er von hinten auf Sehnheim zu und zerknüllt mit jedem Schritt das Gänseblümchen ein wenig mehr. Schließlich ist mein Begleiter nur noch zwei Meter von ihm entfernt, macht mit Hilfe des Stocks einen großen Satz, und Sehnheim beginnt erschrocken den Kopf zu drehen, als schon ein Fuß am gestreckten Bein in seinem Hintern landet. Er schnellt herum und starrt meinen Begleiter entgeistert an, der nach hinten kippt und klatschend auf dem Rücken landet. Dort japst der kurz und bricht dann in schallendes Gelächter aus. 
Ich schaue die beiden verlegen an, Sehnheim erst den Täter und dann mich, dann dreht er sich um und geht. Ich hebe den Stock auf und nehme ihn fest in beide Hände. Ich will nach Hause.
 
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